Von Oktober ab kann jeder stolz (und dabei zu annehmbaren Preisen) auf der Reichsbahn 2. Klasse reisen.
Mit diesen Zeilen beginnt Erich Kästners Gedicht vom Holz- und Polsterklassenstaat. Was da in unverwechselbaren Kästner-Reimen auf dem Papier steht, bezieht sich auf die Einführung des Zwei-Klassensystems bei der deutschen Reichsbahngesellschaft im Jahre 1928.
Die Bahnreisenden zeigten wenig Begeisterung für diese Reform, da das Reisen dadurch teurer wurde. Wer seither 3. Klasse gefahren war, wechselte nun in die 2. Klasse, weil er die enge Tuchfühlung mit dem Proletariat scheute. Allerdings waren zu wenige 2.-Klasse-Wagen vorhanden, so dass die Deutsche Reichsbahngesellschaft gezwungen war, ihre Bestellung an modernen Reisezugwagen der 2. Klasse zu erhöhen. Unser Wagen mit der Nummer 27 908, dessen spannende und wechselvolle Geschichte wir erzählen wollen, ist einer dieser Wagen: |
In den Werkhallen von Linke-Hofmann-Busch im damaligen Breslau wurde unser Wagen 1930 gebaut, von wo aus er seiner Heimatdirektion Münster zugestellt wurde. Durch den Anschluss Österreichs übernahm die Deutsche Reichsbahn den Eisenbahnbetrieb der österreichischen Bundesbahn. Der kriegsbedingt erhöhte Waggonbedarf in Österreich wurde durch moderne Bauarten gedeckt, die sich zum Truppentransport eigneten. Dazu gehörte auch unser Wagen 27 908.
Nach Ende des 2. Weltkrieges verblieb der Wagen in Österreich und wurde von der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) unter der Nummer 37 321 im Personenverkehr eingesetzt. Zum Ende der 1950er Jahre modernisierte die ÖBB das Fahrzeug. Der Glanz der Goldenen 20er, den die Inneneinrichtung ehemals ausgestrahlt hatte, wurde durch das schlichte Design von Kunstleder und weißem Resopal ersetzt. In diesem Zustand lief der Wagen noch bis in das Jahr 1980.
Als die DGEG den Wagen 1981 entdeckte, wurde er von der ÖBB gekauft und zur Untersuchung nach München überstellt. Nachdem er für den Betrieb auf den Gleisen der Deutschen Bundesbahn zugelassen wurde, lief er bis 2001 im Museumszug des Eisenbahnmuseums Bochum-Dahlhausen.
Nach 71 Jahren ununterbrochenen Betriebes wurden größere Reparaturen am Wagen fällig. Anstatt die Reparaturen durchzuführen, wurde die Entscheidung getroffen, den Wagen seinem Betriebszustand in den 1930er Jahren nachzuempfinden. Das Eisenbahnmuseums Bochum-Dahlhausen orientierte sich bei der Restaurierung des Wagens, an den Erkenntnissen, die in den letzten Jahren im Umgang mit technischem Kulturgut in der deutschen Museumslandschaft gesammelt wurden.
Um seiner Geschichte Rechnung zu tragen, wurde bei den Arbeiten darauf geachtet, markante Spuren seiner Vergangenheit zu erhalten. So zeugen zum Beispiel einige Türgriffe und die Bauart der Dampfheizung von seinem Einsatz in Österreich.
In der fünfjährigen Restaurierungsphase wurden die wenigen originalen Teile, über die das Museum verfügte durch den Nachbau von authentischen Ersatzteilen ergänzt. Viel Zeit nahm dabei die Suche nach Werkstätten in Anspruch, die in der Lage waren, die benötigten Objekte detailgetreu zu fertigen. Beispielsweise dauerte die Beschaffung der im Wagen angebrachten Emailleschilder länger als geplant, da es schwierig war, eine Werkstatt ausfindig zu machen, die über eine Fertigungstechnik verfügte, um die Schilder nach altem Vorbild herzustellen. Gleichzeitig wurde viel Zeit darauf verwendet, technische Unterlagen zusammenzutragen, welche die Grundlage zum sicheren Betrieb historischer Fahrzeuge darstellen. Des Weiteren wurden im Rahmen der Arbeiten jüngere Mitarbeiter auf diese besondere Fahrzeugtechnik geschult. Die Restaurierungsarbeiten profitierten von dem Wissen erfahrener Mitarbeiter, die auch beruflich mit einigen der angewendeten Arbeitstechniken vertraut sind.
Mit dem Abschluss der Restaurierungsarbeiten im Februar 2006 wurde ein Stück Reisekultur wieder zum Leben erweckt. Fühlen Sie das Plüsch der Sitze, hören Sie die Geräusche des Wagens während der Fahrt und sammeln Sie weitere Eindrücke, die das Reisegefühl dieser Zeit mit allen Sinnen erfahrbar machen.
Wer dieses Reisegefühl erleben möchte, kann dies im Rahmen unserer Tagesfahrten oder auf der Ruhrtalbahn tun. Am besten reservieren Sie sich schon jetzt Ihren Sitzplatz. |